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Wir können die ganze Scheiße wegwischen!


flugblatt | prols 7/2002

(Zum Streik im Putzsektor von Paris... und Mailand)

Hinter der schönen neuen sauberen Dienstleistungsgesellschaft, hinter den blitzblanken Hotelzimmern, Büroetagen, Messehallen, Supermärkten, Bahnhöfen und Verwaltungszentren verbergen sich dreckige Jobs und miese Löhne. Neben einheimischen ArbeiterInnen arbeiten hier vor allem MigrantInnen aus der Türkei, Osteuropa, Schwarzafrika und den maghrebinischen Staaten. Die Unternehmen hoffen die oft prekären Lebensverhältnisse (unsicherer Aufenthaltsstatus, schlechte Deutschkenntnisse, keine anerkannte Ausbildung) ausnutzen zu können und die ArbeiterInnen zu spalten und einzuschüchtern. Doch ist die Arbeit auch der Ort, wo die Menschen zusammenkommen und die Scheißbedingungen thematisieren und diskutieren können.
Seit dem 7. März 2002 streiken die Arbeiterinnen (hauptsächlich maghrebinische Migrantinnen) bei Arcade in Paris (siehe ganz unten). Der Streik durchbricht die immer wieder einschläfernden Lügen "du kannst eh nichts machen", "da macht eh keine/r mit", "fliegste ja nur raus". Er folgt dem monatelangen Streik bei McDonald's in Paris (2001/2002) der von den prekären ArbeiterInnen selbst organisiert und getragen und von vielen anderen unterstützt wurde. Auch interessant ist in diesem Zusammenhang der Streik der BahnreinigerInnen in Italien (siehe hier drunter).

Was interessiert uns daran?
Wir arbeiten selbst in Büros, Fabriken und Call Centern oder versuchen mit der Arbeitslosenkohle über die Runden zu kommen. Dabei merken wir, dass sich unsere Situation nur durch eine Ausweitung der Kämpfe und die Überwindung der Ausbeutung wirklich verbessern lässt. Wir haben dieses Flugblatt gemacht, weil wir es für wichtig halten, dass Kampferfahrungen von ArbeiterInnen aus verschiedenen Bereichen zirkulieren. So können wir von den Kämpfen lernen und die Erfahrungen in unseren Bereichen einsetzen. Dabei können wir den Kampf nicht irgendwelchen Gewerkschaften oder anderen Apparaten überlassen, die uns doch immer wieder bremsen und kontrollieren. Wir selbst haben genug Möglichkeiten, uns gegen miese Bezahlung oder Arbeitsstress zu wehren: vom organisierten Langsamarbeiten zum Streik...

Kontakt: [wegwischen@prol-position.net]


Bericht aus Italien
Streik und Blockaden der ReinigungsarbeiterInnen
bei der italienischen Eisenbahn


Die Reinigung von Zügen und Bahnhöfen ist auch bei der italienischen Eisenbahn in externe Putzfirmen ausgelagert. Sie schreibt die Aufträge alle paar Jahre neu aus. Vor einem Jahr forderte sie von den Putzfirmen eine Kostensenkung von 40 Prozent. Die ArbeiterInnen - auch in den Städten des Nordens sind die meisten aus Süditalien oder EinwanderInnen aus Nordafrika, Asien, Südamerika... - kapierten schnell, was das für sie bedeutet: Entlassung oder Lohnsenkung und verschärfte Arbeitsbedingungen. Schon jetzt ist das ein lausiger Job: Akkordputzen von Zügen mit den Vorarbeitern im Nacken, die alles kontrollieren. Ein Arbeiter meint: "Es ist eine Arbeit, bei der du quasi nie fertig wirst." Vor allem die EinwanderInnen haben nur befristete Verträge, für ein, zwei, drei Monate, viele sind auch über Zeitarbeitsfirmen da.
Die ArbeiterInnen haben aber gemeinsam reagiert. Seit Oktober 2001 gab es eine Reihe von Streiks in vielen Städten Italiens. Die Gewerkschaften wollten über einen Tarifvertrag verhandeln und nur kurze Streiks zulassen, um etwas die Muskeln spielen zu lassen, aber die ArbeiterInnen haben das nicht mit sich machen lassen. Vor allem Mitte Februar nahmen sie die Sache selbst in die Hand. In Mailand machten die ArbeiterInnen einen sechstägigen Bummelstreik, blockierten stundenlang die Gleise am Hauptbahnhof und verhinderten den Einsatz von Streikbrechern. Sie zeigten, wo ihre Macht liegt: In selbstorganisierten Aktionen, welche die Kapitalisten an wunden Stellen trifft.
Die Blockaden unterbrachen den Fern- und Nahverkehr, während des Bummelstreiks waren die Bahnhöfe mit Müll übersät. Anfang April, nach einem weiteren Streik, schlossen die Gewerkschaften, allen voran die Cgil, größte Gewerkschaft in Italien, mit den Putzfirmen und der Eisenbahn einen "Vertrag" ab, in dem festgelegt wurde, dass es keine Entlassungen und keine Verschärfung der Bedingungen geben sollte. Die Cgil verkaufte das als Sieg und verlangte von den ArbeiterInnen ein Ende der Streikaktionen. Die ließen sich darauf ein... und zwei Wochen später begannen die Entlassungen. Die Frage ist, ob die ArbeiterInnen es jetzt schaffen, die Kontrolle durch die Gewerkschaft abzuschütteln und wieder Aktionen zu machen, die "den Verkehr lahm legen"...


Flugblatt aus Paris
Schluss mit der Sklaverei:
Solidarität mit den Streikenden bei Arcade


Arcade ist ein Unternehmen, das fast vollkommen unbekannt ist. Es hat aber als Subunternehmen mit den meisten französischen Hotels der Gruppe ACCOR zu tun. Zu dieser Gruppe gehören die Hotels von Atria, Coralia, Etap, Formule 1, Frantour, Ibis, Libertel, Mercure, Motel 6, Novotel, Parthenon und Sofitel. Die Beschäftigten von Arcade putzen die Zimmer dieser Hotelkette.
Es handelt sich vor allem um Frauen aus der "Dritten Welt", die oft kaum lesen oder schreiben können, manchmal sind sie ohne Papiere im Land. Entsprechend schwach ist ihre Position gegenüber ihren Ausbeutern.

Offiziell kriegen diese Frauen 7,16 Euros Bruttostundenlohn, das ist kaum mehr als der gesetzliche Mindestlohn. Tatsächlich unterliegen sie aber einem Akkordsystem, indem sie nach geputzten Zimmern bezahlt werden. Sie müssen pro Stunde eine bestimmten Anzahl von Zimmer putzen und haben pro Zimmer 17 Minuten Zeit. Wenn sie diese Vorgabe überschreiten, wird die zusätzlich nötige Arbeitszeit nicht bezahlt; und es kommt häufig vor, dass die Frauen die Zeit nicht einhalten können, da es ständige Kontrollen gibt. Wenn es keine Arbeit gibt, wird so getan, als seien die Frauen nicht zur Arbeit gekommen. Die Verträge lauten auf Teilzeit, aber in Wirklichkeit arbeiten sie mehr als 35 Stunden. Arcade hatte geglaubt, dass ihr Personal leicht zu handhaben wäre und sich nicht verteidigen könne: ohne ordnungsgemäße Papiere, ohne genaue Kenntnisse der Gesetze, mit geringen Französischkenntnissen. Das Unternehmen ließ es sich folglich nicht entgehen, seine Angestellten wie Zitronen auszupressen. Wenn diese dann vollkommen erschöpft sind und ihre Wirbelsäule nicht mehr mitmacht, werden sie rausgeschmissen.
Das alles passiert ganz offensichtlich unter Komplizenschaft des Auftraggebers, der Gruppe ACCOR, der seine Kosten reduzieren will und seinen Subunternehmern immer drastischere Bedingungen auferlegt. Aber seit dem 7. März 2002 streiken einige der Arcade-Arbeiterinnen und haben mehrere Aktionen gegen die Geschäftsführungen von Arcade und ACCOR gemacht, um normale Arbeitsbedingungen und anständige Löhne durchzusetzen.

Ihre Forderungen sind folgende:
* Eine Prämie von 305 Euros am Jahresende für alle
* Schluß mit den Drohungen und dem Druck auf das Personal, Einhaltung der in den Verträgen vorgesehenen Arbeitszeiten
* Vollzeitverträge für alle Beschäftigten (151 Stunden pro Monat)
* Rücknahme aller Sanktionen, vor allem der acht Entlassungen
* Reduzierung der Stundenakkorde auf zweieinhalb Zimmer für Dreisterne-Hotels und auf drei Zimmer für Zweisterne-Hotels

Bis jetzt werden die Streikenden aus ihrer Branche nur von der Gewerkschaft SUD unterstützt, aber die Solidarität weitet sich aus.

Unterstützen Sie die Frauen in ihrem Kampf gegen die modernen Sklavenhändler. Schlafen Sie nicht in einem Hotel der Gruppe ACCOR. Machen Sie in Ihrem Land bekannt, was heute im Herzen des reichen Europa passiert. Protestieren Sie an der Rezeption und gegenüber der Geschäftsleitung ihres Hotels.
Protestieren sie dort auch schriftlich gegen diese Art von Ausbeutung und sprechen sie den Streikenden ihre Solidarität aus.

Solidaritätskomitee mit den Streikenden von Arcade

Neuigkeiten über den Streik auf der website: [www.ras.eu.org/arcades]
Telefon: 01.42.43.35.75
mail: [sud-rail@wanadoo.fr]

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