Über die Arbeit in einer Glasfabrik
bericht | prols 6/2002
Wer im Glashaus sitzt, braucht nicht mit Steinen schmeißen
0. Einleitung
Was soll so ein Bericht, ohne große politische Analyse und ohne von
aufregenden Kämpfen erzählen zu können? Es geht vor allem darum, dass
wir verstärkt dort nach den Gründen für die Krise der Bewegung gegen
die Ausbeutung suchen, wo sie ihre Grundlage hat und von wo neue
Impulse für ihre Überwindung ausgehen müssen: innerhalb der Ausbeutung,
von den Ausgebeuteten selbst.
Das Problem der "politischen Bewegung" besteht momentan darin, dass sie
Ausbeutung in erster Linie als Problem der Lohnhöhe oder der
Prekarisierung (Verschlechterung der rechtlichen Bedingungen) versteht
und nicht als Erfahrung des Unterworfenseins unter den Arbeitsalltag,
den ermüdenden Rhythmus von Schichtzeiten und Maschinentakt, die
Kommandos der kleinen und großen Chefs, den immer unklarer werdenden
Sinn der eigenen Tätigkeit. Von daher ist der Kampf der "politischen
Bewegung" gegen die Ausbeutung meist ein Kampf für mehr Rechte oder
gegen weitere Verschlechterungen, aber kein Kampf für eine
grundlegendere Änderung der Produktionsweise an sich.
Berichte aus den Arbeitsmühlen müssen keine großen Analysen sein. Sie
sollen in erster Linie ausdrücken, wie wir die Realität der Ausbeutung
selbst erfahren und mit welchen Fragen wir uns konfrontieren müssen,
wenn wir uns von ihr befreien wollen. Für solche Berichte sind auch
keine fünfjährigen Betriebszugehörigkeiten nötig. Der folgende Bericht
ist z.B. größtenteils in den ersten vier Wochen im neuen Job
entstanden. Also, für ein zwei, blabla...viele Betriebstagebücher!
1. Vorgeschichte
Habe nicht gezielt nach diesem Job geguckt. War halt beim A-Amt und
diversen Leihfirmen und habe irgendwas in Richtung Betriebselektriker
gesucht. Bei Manpower war das erste was sie mich fragten, ob ich auch
im Call Center arbeiten würde, da war ich dann etwas pikiert. Die
meisten größeren Leihfirmen meinten, dass sie z.Z. keine Aufträge aus
der Industrie bekämen. Das war Anfang/Mitte Februar. Alle hatten mir
für den Fall der Fälle einen Brutto-Stundenlohn von 10 Euro angeboten,
wobei sie halt damit rumrechneten, dass da ja noch Kilometergeld etc.
dazukommen würde. Vom A-Amt hatte ich Zettelchen von acht verschiedenen
Unternehmen, bei denen ich mich auch schriftlich beworben habe. Nach
zwei Wochen hatte ich das erste Vorstellungsgespräch in einer
Bitumen-Fabrik mit Hauptsitz in Stuttgart. Denen tat ich wohl leid,
jedenfalls meinten die, dass sie in Stuttgart gar nicht erst versuchen
würden, irgendwelche Industriefacharbeiter für Hilfsjobs zu suchen. Das
ginge auch (nicht) nur im Ruhrgebiet. Die haben mir dann zwei Tage
später abgesagt, weil ich doch "überqualifiziert" sei. Letztendlich ist
dann also nach gut drei Wochen mehr oder weniger intensiver Suche nur
der eine Job übrig geblieben: Glasfabrik, Maschinenbedienung,
Voraussetzung Facharbeiterschein in Sachen Elektrik.
Als ich zum Vorstellungsgespräch kam, waren da noch vier andere, recht
junge Typen. Wie viele sich insgesamt beworben haben: keine Ahnung.
Beim Einstellungsgespräch wollten sie zusätzlich zum Facharbeiterbrief
noch Referenzen von meinem letzten Arbeitgeber. Auch eine ziemliche
Unsitte, die in anderen europäischen Ländern aber (bereits) sehr viel
verbreiteter ist. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ja, mensch kann
selbst im Ruhrgebiet innerhalb von ein, zwei Wochen einen Job in der
Industrie finden (in meinem Fall mit deutschem Pass und noch nicht zu
alt), aber dabei meistens Montage, Überstunden, Schichtarbeit etc. in
Kauf nehmen, um auf einen Lohn jenseits der 1000 Euro Netto zu kommen.
2. Das Unternehmen
Es ist ein glasproduzierender Multi mit
Fabriken z.B. in Shanghai, Buenos Aires, Teheran, California, ...und in
fast allen europäischen Ländern. Hauptsitz ist in England. Das
Unternehmen ist unterteilt in einen Bereich für Bauglas verschiedenster
Art, einen für Autoindustrie (weltweit größter Zulieferer für Autoglas)
und einen für Bahn und (militärische) Luftfahrt. In Europa bedienen die
einzelnen Fabriken in erster Linie "ihre" nationalen Märkte. Es gibt
eine weltweite Unternehmenszeitung und ein Intranet (PC steht in der
Fabrikhalle), aus der sich Infos über die einzelnen Standorte entnehmen
lassen. In Deutschland hat der Bauglas-Bereich fünf Standorte und ca.
2800 ArbeiterInnen am Laufen.
3. Die Fabrik
Das Unternehmen hat zumindest in weiten Teilen den bisher größten
deutschen Glasproduzent aufgekauft. Auf dessen Gelände steht jetzt auch
die neu (ca. vor 8 Jahren) gebaute Fabrik. Ebenfalls auf dem Gelände
befindet sich eine Solaranlagen-Kleinfabrik von Shell. Eigentlich sind
es drei Fabriken, da in drei verschiedenen Hallen auch unterschiedliche
Produkte hergestellt werden: Verbundglas, Feuerschutzglas etc.
Angeliefert werden aber alle mit Rohglas, vor allem aus einer Fabrik
des Unternehmens, die ca. 20 km weit entfernt ist. (Kleinere Info am
Rande, die sich auch aus der Betriebszeitung entnehmen lässt: Momentan
arbeiten 280 Leiharbeiter auf der "Kaltreparatur-Baustelle" im
rohglasproduzierenden Werk. Für diese Wartung wird der Ofen nach 11
Jahre Dauerproduktion abgestellt, für 4 Monate und 45 Millionen Euro
Kosten. Das Lager bzw. die Kapazität der anderen Werke scheint aber
groß genug zu sein, da wir trotz dieses Produktionsstopps weiter Glas
geliefert bekommen, z.T. per LKW aus Frankreich ). Und das muss
natürlich auch sein: Am Standort befindet sich auch das firmeninterne
Call Center, in dem ca. 20 Leute bei SAP-Problemen telefonischen Rat
erteilen. SAP Programme werden sowohl in der Lagerhaltung, als auch in
der Produktion eingesetzt (s.u.).
Die "deutsche" Glasfabrik war damals einer der größten Arbeitgeber
der Stadt, heute arbeiten an diesem Standort noch ca. 700 Leute (vor 10
Jahren noch 1300). Am Eingang begrüßen uns jeden Morgen große Tafeln,
auf denen wir über unseren Krankenstand, Unfälle und Qualitätsziele und
die verursachten Kosten unterrichtet werden, aufgeteilt nach den
einzelnen Abteilungen...
4. Die Halle
In "unserer" Halle arbeiten ca. 90 ArbeiterInnen auf drei Schichten
verteilt. In der Halle wird Verbundglas und Brandschutzglas
hergestellt: Rohglas wird angeliefert, zwischen zwei Rohglasscheiben
werden unterschiedliche Folien gelegt, dass ganze wandert erst durch
einen Ofen, wird dann gepresst und am Schluss wieder auf LKWs gepackt.
Wir haben zwei Linien:
a) eine "vollautomatisierte", die 90 Prozent der Produktion erledigt;
b) eine "Sonderlinie", die kleinere Serien/Aufträge produziert.
5. Die Arbeiter
Die meisten arbeiten schon 10 Jahre und länger dort, d.h. sie
arbeiteten erst bei der "deutschen" Firma und hatten dann während der
Umstrukturierung das Glück, nicht gefeuert worden zu sein. Diese
Arbeiter haben entweder selbst bei der damaligen Firma
Schlosser/Elektriker gelernt, oder z.T. auch was anderes
(Stahlbetonbau, GasWasserScheiße etc.). Unternehmenspolitik ist, dass
sie nur Gelernte einstellen, vor allem halt Maschinenschlosser,
Betriebselektriker. Sie meinten zu mir bei der Einstellung, dass ich
auch mal an die SPS (Elektronische Steuerungen) müsste, Fehler beheben
etc. Ist aber totaler Blödsinn, weil du bei der Arbeit eh keine Zeit
hast, dich darum zu kümmern, aber dazu später. Die Fluktuation ist also
ziemlich niedrig. In der Halle arbeiten nur Männer, von 22 bis 55
Jahren, die meisten so um die 40. Auch von den Pässen her eine alte
Zusammensetzung: Deutsche, Polen, Türken (außerdem 5 Griechen von einer
Leihfirma, welche die Maschinen warten, reinigen etc.. Die arbeiten
auch im Rohglas-Werk).
Darauf angesprochen meinte keiner, dass er sich einen neuen Job
suchen wolle. "Hier macht man sich nicht kaputt". Warum haben sie bei
dem Laden angefangen? Hier meine engsten Kollegen:
* A. ist 30, hat türkische Eltern, will bald Heiraten, hat vorher mal
eine Ausbildung zum Betriebselektriker gemacht, dann zwei befristete
Verträge am Band bei Opel in Bochum und einen beim jetzigen
Unternehmen; er hat kein Bock mehr auf den Stress mit Befristung usw..
* B. ist 45, in der Türkei geboren, Familienvater, hat vorher als
Schlosser in einer kleineren Bude gearbeitet; jetzt arbeitet er als
Maschinenbediener seit anderthalb Jahren für die Firma; hatte vorher
zwar höheren Stundenlohn, aber auch keine Zulagen; war eine zeitlang
arbeitslos, hatte mehr ALG/Wohngeld als jetzt Lohn; will nicht mehr so
weit zur Arbeit fahren; hat sich innerhalb der Fabrik um einen
Mechaniker-Job beworben: "Hier zahlen die nur Hilfsarbeiterlohn, dabei
müssen wir auch die Maschinen reparieren"; letztendlich haben sie ihm
eine Absage auf seine Bewerbung erteilt, mit der fiesen Begründung,
dass er nach anderthalb Jahren am Band (wo sie ihn selbst hingestellt
haben!) schon zu lange aus dem Beruf ist... Bastarde.
* C. ist 22, ebenfalls zweite Generation, hat keine Lust mehr auf dem
Bau zu arbeiten (gelernter Installateur); zu kalt und dreckig; will mal
sehen, wie lange er es hier aushält.
6. Die Kooperation
Ich arbeite an der Sonderlinie. An der Linie direkt arbeiten wir nur zu
dritt: Zwei Leute arbeiten im "Klimaraum" (die Folie muss kalt
verarbeitet werden, so 12 Grad), und ich arbeite durch eine Glasscheibe
und ca. 25 Grad getrennt neben dem Ofen. Die gesamte
Kooperation/Arbeitsvorgang sieht dann also folgendermaßen aus:
a) Rohglas (aus dem ca. 20 km entfernten Rohglaswerk) wird mit Staplern
und Riesenungetümen vom LKW abgeladen und auf so Böcke gepackt;
b) ein Sauger nimmt eine Scheibe und legt sie auf das Fließband, die läuft dann durch die Waschmaschine in den Klimaraum;
c) der erste Arbeiter bedient den Folienspender, sieht zu, dass die Folie (aus Japan) da ordentlich auf der Scheibe liegt;
d) eine zweite Glasscheibe wird aufgelegt;
e) der zweite Arbeiter schneidet die Ränder der Folie entlang der Glaskante ab, klebt Zettelchen auf etc.;
f) Scheibe läuft durch den Ofen, wird am anderen Ende mit einem Sauger angehoben und senkrecht auf einen Wagen abgestellt;
d) der dritte Arbeiter muss so Abstandsstangen zwischen die einzelnen
Scheiben stecken und den Wagen austauschen, wenn er voll ist.
Das war also grob die "Sonderlinie", weiter geht's dann so:
e) Ein Arbeiter fährt mit so Riesenhubwagen die Wagen in den Pressraum (Luftdruck);
f) ein anderer Arbeiter lädt die gepressten Scheiben ab und macht sie versandfertig;
g) LKWs fahren die Scheiben durch Deutschland, nach Dänemark oder gar
bis nach Schweden, dort werden sie dann in irgendwelche Rahmen und dann
Bürotürme eingebaut.
Zwischen a) und f) springen halt noch der Mechaniker und Elektriker
rum, weil die Anlage von 1983 ist und viele Macken hat. Außerdem gibt
es noch eine "verwaltungsmäßige" Kooperation, d.h. die zwei
ArbeiterInnen im Kühlraum müssen Auftragszettel überprüfen und
ausfüllen etc., im Versand wird das dann noch mal gecheckt usw..
Bei der automatisierten Linie sollten eigentlich alle Schritte bis f)
auch automatisch laufen, tut es aber natürlich nicht. Neben der reinen
Überwachung muss auch dort je nach Folie angepackt bzw. geschnitten
werden. So arbeiten ebenfalls vier ArbeiterInnen an der Linie, z.T. mit
ziemlichem Stress: Überwachen; zwischendurch Aufträge, Zeiten,
Störungen etc. in das SAP-Programm eingeben; Folien schneiden, wenn die
Maschine spinnt. D.h. die Absprache zwischen den ArbeiterInnen ist
recht wichtig: Die Typen im Kühlraum müssen mir sagen, welche Scheibe
ich aussortieren muss; wir müssen dem Kerl im Versand stecken, dass der
Rest des Auftrags erst in zwei Stunden fertig wird etc.. Das Management
erwartet sogar, dass wir eine Viertelstunde früher zur Schicht
erscheinen (natürlich unbezahlt), um von der anderen Schicht zu
erfahren, welche Probleme es heute gab. Meistens läuft das aber über
Zettelchen oder SAP...
Unter kapitalistischen Bedingungen ist diese Kooperation die Hölle: Von
außen spüren wir den "Verwertungsdruck", d.h. wir bekommen
Auftragsfristen, Richtzeiten, Zeitvorgaben etc.. Dazu bekommen wir mehr
oder weniger schlechtes Material und störanfällige Maschinen und eine
Arbeitsorganisation, die uns erstens in verschiedene Werke, Abteilungen
etc. teilt und zweitens unsere Befugnisse und Informationen auf das
nötigste beschränkt. Unter diesen Bedingungen müssen wir
Zusammenarbeiten, was in erster Linie darauf hinausläuft, dass wir uns
gegenseitig durch die entstehenden Probleme, Kommunikationsstörungen
und nicht zuletzt durch den Zeitdruck auf die Eier gehen. Wir wünschen
den Japsen ein zweites Nagasaki an den Hals, weil die Scheißfolie sich
nicht ordentlich verarbeiten lässt und alle Scheiben total verschmiert;
die Typen im Kühlraum nerven den Kerl, der das Fließband mit Scheiben
versorgt, weil er die Scheiben schief aufs Band legt; der Kerl wiederum
saugt den Mechaniker an, weil der seinen schiefablegenden Abladesauger
nicht schnell genug repariert; mich bringen die Kühlraumfuzzis in Rage,
weil sie die Folie immer überstehen lassen und ich die Walzen vom
Fließband immer putzen darf; putze ich aber zu lange, kommt der Meister
und fragt, ob ich nicht mal wieder ein paar Scheiben abladen will; die
drei Kanten von der Gegenschicht wollen mir eine verpassen, weil ich zu
viele Scheiben verschmiert hab durchgehen lassen und sie die im Versand
haben reinigen müssen; wahrscheinlich hassen uns auch so manche
Fenstermonteure in Kopenhagen oder sonst wo, weil viele Scheiben nicht
ordentlich zusammengeklebt sind... usw..
Dass wir zusammenarbeiten, merken wir vor allem also dadurch, dass wir
uns gegenseitig nerven. Diese Nerverei wird wohl erst aufhören, wenn
wir die Produktionslinien, an die uns das Kapital kettet, als
Streiklinien nutzen. Dann lässt sich vielleicht auch mal normal und
ohne Stoppuhr im Nacken miteinander reden und über Sinn und Unsinn von
weiteren Glas-Beton-Bauten und Arbeitsplätzen diskutieren, die dich
zwingen, den Großteil deines Lebens auf drei Handgriffe zu
reduzieren...
7. Der Arbeitsschritt
Es braucht ungefähr anderthalb Tage um
die Arbeit zu kapieren und um in den Rhythmus zu kommen. So fern alles
gut läuft, ist auch alles recht simpel:
Du stehst bei angenehmen 37 Grad neben dem Ofen, zu deiner Rechten wird
die Glasscheibe vom Band gesaugt, zu deiner Linken steht der Wagen mit
den Stangen. Der Sauger fährt die Scheibe rüber, du fummelst die Stange
einmal oben in den Rahmen (1-Euro-große Lochöffnungen in ca. 3,5 m
Höhe) gehst einmal um Sauger und Glasscheibe rum und steckst auch dort
die Stange. Den Sauger solltest du erst dann zurückfahren (Knopfdruck),
weil ansonsten die Scheibe umfallen könnte. Dann musst du die Scheibe
noch mit so einem Brett ausrichten. Gleichzeitig solltest du auch
darauf achten, ob Folienreste auf der Scheibe kleben und gegebenenfalls
im Klimaraum Bescheid sagen. (Du hast eine Klingel, damit sie mal zu
dir rausgucken.) Insgesamt brauchst du für die Sache ca. 35 Sekunden.
Die Taktzeit wird durch drei Faktoren beeinflusst:
a) Was für Scheiben kommen: Du lernst Panzerglas lieben, weil das recht
lange gebrannt werden muss. Du wirst dünnes Brandschutzglas hassen,
weil du da auch in der Mitte Stangen stecken musst und dir die Kanten
beim Ausrichten abbrechen;
b) von der Arbeitswut deiner Kollegen. Die müssen aber auch Rücksicht
auf dich nehmen: Bleibt eine Scheibe zu lange im Ofen, fängt's an zu
brennen;
c) von den Störungen: Die passieren halt am laufenden Band.
Aber erst mal, falls alles glatt geht:
Auf eine Wagenseite gehen ca. 40 Scheiben, dann gehste zu einem
Bedienpult, drückst ein paar Knöpfe, der Wagen dreht sich: selbe Spiel
von vorn. Wenn er voll ist, fährst du den Wagen (steht auf Schienen)
per Knopfdruck weg. Am Tag machen wir je nach Scheibenart so bis zu 5
Wagen.
Das wäre alles recht öde, wenn es keine Störungen geben würde. An der
Linie gibt es eigentlich alle halbe Stunde eine: Folienspender klemmt,
Waschmaschinenkeilriemen gerissen, Kontakte am Sauger verstellt etc..
Um diese Fehler zu beheben, brauchst du keinen Facharbeiterbrief. Der
hilft dir da nichts. Du musst einfach schon Monate an der Maschine
stehen, um zu wissen, wo sie einen Tritt braucht. Störungen und
Wagenwechsel sind auch die wenigen Momente, wo du mit den anderen
quatschen kannst. Hier zeigt sich auch der Blödsinn dieser ganzen
"Qualifikations"-Geschichten: Warum bekommt wer weniger Geld, wenn er
den ganzen Tag am Fließband schwitzt, nur weil er nicht das passende
Papier dazu hat? Was hilft mir dieses Papier, wenn ich die Maschine
nicht kenne und sie nicht reparieren kann? Usw. usf.
8. Die sinnliche Erfahrung
Die Arbeit ist nicht wirklich anstrengend, weder körperlich noch
geistig. Sie fordert zuviel Aufmerksamkeit, um an langen Gedankenketten
hangeln zu können, aber lässt dir genug Gehirnkapazität für
Vokabel-Training und kleinere Träumereien. Die entführen dich dank
Temperatur und Arbeitsmittel immer in recht äquatoriale Gegenden. Dann
irgendwann fauchen die Hydraulikvipern und dich haut's zurück in die
recht hässlich, zu saubere Fabrikhalle irgendwo im Ruhrgebiet. Nach
drei-vier Stunden haste echt keine Lust mehr. Da helfen weder die
neuesten Analysen über den Aufstand in Argentinien, noch
World-Music-Night. Gerade in der Nachtschicht erfährst du dann wahre
Absurditätsschocks: Wenn der Sauger-Kran wie ein Hypnose-Pendel vor dir
hin und her fährt, dich hin und herrennen lässt und einfach Scheibe
nach Scheibe ranschlürt, als würde wer verhungern oder erfrieren, falls
du die Nacht nicht durcharbeitest. Wenn die Maschine neben dir den
selben Job sehr viel schneller und ohne Zuschläge macht und dich dabei
hämisch angrinst, Dutzende von erwachsenen Männern wie gestresste
Moorhühner durch die Halle scheuchend, morgens um 3 Uhr 17...
Keiner weiß, wohin die Scheiben gehen, was später mit ihnen
passiert. Keinen interessiert's. Aufgrund der äußeren Bedingungen (hohe
Arbeitslosigkeit, Familienverpflichtungen, Schulden) hat man sich
irgendwie damit abgefunden, die Hälfte seines Lebens damit zuzubringen,
Folien zu schneiden, Scheiben an- und abzusaugen, Stapler hin- und
herzufahren. Man muss eine Gleichgültigkeit entwickeln, weil es ja
scheinbar nicht zu ändern ist. Die Gleichgültigkeit betrifft deine
eigene Person: Ein Kollege kotzt seit Monaten Blut, schmeißt aber die
Hälfte seines Lohns weiter in die Cola- und Zigarettenautomaten. Eine
wirkliche Pause zum Durchatmen ist nicht drin...
Es gibt auch andere Arten, einen Amoklauf zu produzieren: Du sitzt
in der Pause, d.h. an einem Tisch in der Halle, und versuchst es dir in
dem ganzen Gerappel und Gezische gemütlich zu machen. Die Füße nach den
4 Stunden Gerenne gerade auf einem anderen Stuhl abgelegt, schleicht
der Meister schon um den Druckkessel: "Der Chef kommt gleich hier
vorbei". - "In Ordnung". - "Ich meine: Der Chef kommt gleich hier bei
euch vorbei!" - "Ja, und?" - "Kannste die Füße bitte runternehmen." -
"Häh?!" (fassungslos)...
Das Nachbeten des Arbeitstakts macht dich den Rest des Tages eh
latent aggressiv und solche Geschichten lassen dir den Hals mindestens
um 7,2 cm anschwellen. Aber die Kollegen sind's gewöhnt: "Der hat halt
den Arsch auf...!"
Eine weitere Unangenehmlichkeit: wenn zwei Manager, der Meister und ein
Mechaniker dann noch anderthalb Stunden an deiner Maschine abhängen und
du vor ihren Augen weiterarbeiten musst. Monotone oder/und andere
entwürdigende Arbeiten sind etwas eher Intimes, da ist mensch lieber
unter seinesgleichen: Mir wäre es weniger unangenehm, wenn sie mir beim
Kacken zusehen würden. Sie stehen da und kümmern sich um die Probleme
"meiner Maschine", messen hier und da, testen dies und das, machen sich
Sorgen. Sie stehen da und fachsimpeln, denn die Maschine ist
kompliziert und hat Verdauungsprobleme. Von mir nehmen sie nur ab und
zu ein schnell geschubstes "Tschuldigung" wahr, wenn ich mich mit
meinen dämlichen Stangen durch sie hindurchdrängeln muss, damit die
Scheißkiste weiterläuft...
9. Die Arbeitszeit
Wie geschrieben: Es wird 3-Schicht gearbeitet, d.h. du kommst in der
Woche auf 40 Stunden. 2,5 davon werden auf dein AZV-Konto gebucht. Auch
Samstagsarbeit wird nicht ausbezahlt, sondern auf dieses Zeitkonto
angerechnet. Einige Kollegen haben bis zu 280 Stunden "Guthaben". Es
ist ein ständiger Konflikt, wann diese Stunden genommen werden dürfen
bzw. sollen. Klar, die versuchen dich nach Hause zu schicken, wenn
nicht viel läuft, Lager voll ist oder die Anlage wegen Störungen steht.
Auf diese Arbeitszeitkonten-Problematik stößt mensch wirklich überall,
von der Bahn, übers Call Center bis in die Fabrik. Vielleicht lässt
sich diese flexible Arbeitszeitverlängerung ja mal etwas genauer
untersuchen, es gibt dazu ja bereits einiges an Material.
Wir haben jetzt eine neuen Stech-Chip (die "Hundemarke") für die Stechuhr, da kannst du auch direkt deinen Kontostand ablesen.
Die Pause ist offiziell nur 1 mal eine Viertelstunde. In der
Frühschicht wird das auch mehr oder weniger eingehalten. Bei Spät- und
Nachschicht wird daraus eine halbe.
Bis jetzt ist es zweimal vorgekommen, dass wir länger arbeiten sollten,
damit ein Auftrag fertig wird. Einmal haben wir das auch gemacht (ca.
eine dreiviertel Stunde), dass andere mal ging zum Glück die Maschine
kaputt. Es gibt auch saisonale Auftragshochs. Hat auch ein bisschen was
mit der Bausaison zu tun. Im letzten Jahr gab es oft Samstags- und
Sonntagsschichten...
Gerade zum Ende der Spät- oder Nachtschicht spielen sich dann noch
klassische Szenen ab: Alte Männer stehen wie junge Pusher in dunklen
Ecken und tauschen ihre Stech-Chips aus, nachdem sie 20 Minuten zu früh
von der Arbeit abgehauen sind, zum Duschen. Das machen eigentlich noch
alle: sich vom Kollegen abstempeln lassen...
10. Der Lohn
Das Unternehmen hat einen Tarifvertrag mit der
IG BCE. Ich bin wie die meisten anderen auch in der Lohngruppe E5, d.h.
der Grundlohn beträgt 1580 Euro. Das sind bloß ca. 1060 Euro netto.
Grund für diesen doch recht kargen Lohn ist auch der sogenannte
Einstiegstarif, dem die Gewerkschaft im Zuge des ersten Bündnisses für
Arbeit zugestimmt hat: Demnach gibt es für Neueinsteiger erst mal nur
85 Prozent, im Jahr drauf 90 Prozent etc..
Schichtzulage ist auch nicht prickelnd: Nachtschicht 15 Prozent, für
Wechselschicht 7 Prozent auf Früh und Spät. Macht noch mal ca. 150 Euro
netto.
Also von wegen "Hochlohn in der tarifgesicherten Vollzeitbeschäftigung"
- bei McDonald's verdienst du nicht weniger, im Call Center verdienst
du oft mehr und bei Aldi an der Kasse sowieso...
Während ich dort arbeitete gab es ja auch die (Warn-)Streiks in der
Metallbranche (Lohnforderung 6,5 Prozent) und den Abschluss der IG BCE
(3,3 Prozent). Eigentlich meinten alle, dass selbst 6,5 Prozent zu
wenig seien, dass es aber in erster Linie eine Frage der Durchsetzung
sei. Die IG BCE wurde als "lahmarschig" bezeichnet. Insgesamt gab es
aber kaum Diskussionen, auch nicht über die "Streiks" und den Abschluss
der IG Metall (um die 4 Prozent mit langer Laufzeit und
Befreiungsklauseln für kriselnde Unternehmen).
11. Die Prämien
Es gibt Prämien für Qualität, Unfallfreiheit, Produktivität: sogenannte
"erreichte Gruppenziele". Das können im halben Jahr dann bis zu 300
Euro sein. Keine Ahnung, ob sie das an Stelle des 13. Monatsgehalts
oder Urlaubsgeldes gesetzt haben. Gerade die Unfall-Prämien sind eine
miese Sache: Schon am ersten Tag meinte der Meister, dass die Prämie ja
nur für die "Gruppe" ausgezahlt wird und auch nur dann, wenn kein
Arbeitsunfall vorgekommen ist, d.h. wenn du keinen Krankenschein
aufgrund eines Arbeitsunfalls nimmst. "Wenn du z.B. mal ne kleinere
Schnittwunde an der Hand hast, schlagen wir dir entweder für
zwischendurch eine Bürotätigkeit vor oder du kannst auch die Zeit von
deinem AZV-Konto nehmen...". Dabei machen die einen ziemlichen Wirbel
um die "Arbeitssicherheit". Aber was hilft dir der Helm, wenn so ein
Stapel mit 20 qm Scheiben auf dich drauffällt. Im Werk gab es in den
letzten 9 Jahren drei Tote durch Arbeitsunfälle, auch in der letzten
"Focus" (Firmenzeitung) verabschieden sie sich von einem
vietnamesischen Kollegen, der in einer österreichischen Fabrik unter
den Stapler gekommen ist. Ein anderer Unfall passierte im selben
Zeitraum in Leeds, wo ein Typ seine Klamotten in eine Maschine bekommen
hat, die auch bei uns eingesetzt wird. Die Klamotten haben sich so
verwickelt, dass der Typ die Hand verloren hat, den Arm in Kleinteile
gebrochen und selbst schon ganz blau war, als die Kollegen ihn
rausgeschnitten haben.
Habe selbst bisher zwei Beinahe-Unfälle mitgekriegt, wo es auch beides
mal gut ein Körperteil hätte kosten können: Der Mechaniker hat über
Ostern durchgearbeitet (also 10 Tage am Stück) und wollte am Ende der
Schicht noch ein Transport-Rollenband reparieren, hat seine Hand
zwischen den sich drehenden Transportrollen und sieht die Scheibe nicht
kommen. Zum Glück stand ein anderer Kollege direkt neben ihm, der ihn
zergeln konnte, so gab es nur einen Kratzer...
12. Die Gruppenarbeit
Die "Gruppenarbeit" greift nicht in den Arbeitsprozess ein, d.h. sie
findet eigentlich nur auf dem Papier, bzw. der Statistik statt: Es
hängen Charts über die Produktivität, "Ausbeute" etc. der verschiedenen
"Gruppen" (Sonderlinie, Automatische Linie, Versand) und Schichten aus.
Außerdem gibt es noch einmal im Monat eine "Gruppensitzung", die aber
eigentlich eine Schichtsitzung ist. Die letzte Sitzung sah
folgendermaßen aus:
Erst mal erzählt der Meister (Schichtleiter), ob wir unsere
Zielvorgaben erreicht haben. Dabei kriegt die Sonderlinie einen
Einlauf, weil wir im laufenden März nur 94 Prozent "Ausbeute" hatten,
d.h. dass nur 94 Prozent der Scheiben ohne Mängel im Versand
registriert worden sind. Außerdem sollten wir über unsere Probleme
reden. Dabei kam nur raus, dass alle schon über Monate hinweg einen
Staplerkurs beantragt haben, das aber noch nicht angelaufen sei.
Ansonsten gab es eigentlich nur Beschwerden, dass die Zeitkonten mies
verwaltet werden, dass die Nachtschicht nicht zum Tanz in den Mai kann
etc.. Der Meister versuchte dann noch krampfhaft irgendwelche
Verbesserungsvorschläge aus uns herauszubekommen, aber bis auf
Lohnerhöhung gab es eigentlich keine. Er machte dann selbst noch einen:
Jeder sollte eine Sicherheitscheckliste für seinen Arbeitsplatz
erstellen... allgemeines Gegähne. Wir durften dann noch mal zu ihm,
wegen unserer 94 Prozent, die er uns an seinem Computer in allen
möglichen graphischen Darstellungen und Jahrestatistiken vorführte. Zu
Schichtende musste er dann mit ansehen, wie der Sauger erst zwei
Scheiben auf dem Fließband zerdrückte, eine Scheibe fallen ließ und
dann drei Scheiben auf dem Wagen anknackste. Wir zuckten nur die
Schultern: immerhin 94 Prozent...
Bei der zweiten Gruppensitzung wurde es dann doch etwas übler, da
über einen Kollegen geredet wurde, der selbst gar nicht anwesend war.
Ein Typ meinte, das er nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wolle. Der
Meister wollte das dann auch direkt mit Begründung im Protokoll
festhalten. Im Nachhinein haben aber viele gesagt, dass so was nur
schief laufen kann und man die Vorgesetzten eigentlich da raushalten
sollte...
Eigentlich zeigt sich hier, was in der Auto-Industrie
(Proto-Industrie der "Gruppenarbeit") bereits seit Einführung der
Gruppenarbeit der Fall ist: Es geht nicht um "Humanisierung der
Arbeit", sondern um Gruppenkonkurrenz, Entschärfung von Konflikten
bevor sie entstehen, vermehrter Stress durch zusätzliche Verantwortung
(z.B. für Arbeitsplatzbeschreibungen, Zettelwirtschaft etc.).
13. Das Projekt-Meeting
Irgendwann sollten wir eine halbe
Stunde früher kommen, weil der Hallen-Chef uns und der Frühschicht das
neue R-Projekt vorstellen wollte. Es saßen dann also ca. 20 Leute vor
seinem Pult, hinter dem er uns erst mal mit seinem Lap-Top-Video-Beamer
und jeder Menge englischer Vokabeln (HQ in England) beeindrucken
wollte. Dann rechnete er uns vor: Heute waren Kratzer auf 200 Scheiben
à 20 qm; um die zu produzieren brauchen wir zwei-drei Stunden
(Auto-Linie); jeder Quadratmeter Scheibe kostet eingebaut 1.000 Euro;
wenn wir den Schaden nicht entdeckt hätten: 4 Millionen Euro Schaden.
So beliefe sich der Schaden ja nur auf die Herstellungskosten von 200
Euro, also 40 000 Schleifen. Immerhin, dafür würden 500 Anarchos auf
dem Gipfel ihres Könnens einen halben Tag lang brauchen. Das machen die
drei Typen hier in zwei Stunden ohne ins Schwitzen zu kommen.
Interessiert sich leider bis auf den Fuzzi keine Schwein für, keine
Kamera weit und breit.
Er erging sich dann weiter darin, wie wichtig der Informationsfluss
sei, um solche Fehler zu vermeiden etc. Fuhr noch einige
psychedelischen Graphiken auf: "Hier sind unsere Konkurrenten, bei 96
Prozent Ausbeute. Hier sind wir im November, unser Tief, da haben wir
jede Menge Kunden verloren. Die können wir nicht über Rabatte
wiedergewinnen. Die Glaspreise sind im Keller: Wir können nur besser
werden. Da holen wir auf, ohne in der Produktivität nachzulassen: 80 qm
pro Mannstunde. Hier holen wir unsere Konkurrenten ein." Die
"Konkurrenten" ist eine andere Fabrik des Unternehmens in Italien,
Porto Maghera.
Dann erzählte er uns von den neuen Visionen des Chairman in GB
("Chairman wie Mao Tse Tung, hahaha...!" Kein Arsch lacht, weil den
außer ihm niemand kennt.): das R-Projekt, R wie Reliability. Und da
steht es durch den Over-Head-Projektor schön vergrößert: "Produktion
und Planung liegen zu weit auseinander." Welche Erkenntnisleistung!
Ziel des Projekts soll sein, einen ständigen Überblick darüber zu
gewährleisten, wie viel wir in der Produktion hinter dem
Auslieferungstermin für den Auftrag hinterherhinken bzw. ihm
vorauseilen (wohl weniger!). Bisher gäbe es dafür nicht einmal eine
vereinheitlichte Größe. WWo gibt's denn so was: Manche reden von
"Schichten", die wir hinterherhinken, andere von Quadratmetern, die
noch zu machen seien... Nein, wir brauchen eine Prozentzahl! Im
Durchschnitt lahmt die Produktion momentan 27,5 Prozent hinter dem
Plansoll her. Ziel ist es, diese Prozentzahl zu jeder Sekunde zu
aktualisieren. Dazu sollen wir dank dem SAP-Programm alle möglichen
Daten und Infos festhalten, was eh schon gemacht wird: Anfangszeit des
Auftrags, Ende, Störungen usw. "Auch jede Veränderung muss festgehalten
werden... Es gibt keine Verbesserungen (der Produktion), wenn wir sie
nicht dokumentieren und auswerten können."
Er fährt eindrucksvolle Statistiken über jeden Furz auf, der an der
automatischen Linie gelassen wird.
Natürlich sei auch die Planung teilschuld daran, dass das Soll nicht
erfüllt wird. Aber sie seien halt angewiesen auf die exakten
Informationen. Ein Typ wirft ein: "Aber warum fahren die dann nicht
weniger Aufträge auf einmal rein, dann sieht die Zahl doch gleich
besser aus." Das nennt man gesunde Logik, aber: "Nein, nein, wir wollen
die Kapazitäten natürlich halten." Die Zahl sei ja auch deshalb so
schlecht, weil im letzten Monat ein LKW sein Ladung auf dem Weg nach
Norwegen verloren hätte blabla....
Ein anderer Typ meint: "Aber der Informationsfluss wird doch auch
dadurch gestört, dass die einzelnen Schichten durch die Charts in
Konkurrenz gesetzt werden." Mao-Manager: Das wäre dann falsch
verstandene Konkurrenz. Das Gruppenziel sei ja auch nur dann erreicht,
wenn die schlechteste Schicht nicht mehr als 10 Prozent hinter der
besten zurückliegt. Ihm selbst täte es ja auch weh, wenn er den
Italienern Tipps geben müsste, aber so sei es nun mal. "Noch
Fragen...?"
Zurück an der Maschine wirken die Statistiken dann schon weniger
bedrohlich, die Informationsadern kriegen Arterienverkalkung, die
Paranoia lässt nach. Machen ein paar Witze am Kaffeeautomaten: "Neh,
Alter, muss los, weißt schon, meine Bänschmark wartet..." usw..
Soviel ich mitgekriegt habe, wissen die meisten, dass dieses ganze
"Informationen sammeln" eine recht zweischneidige Sache ist: Wenn die
Konsequenz ist, dass wir bei Auftragende länger arbeiten sollen oder
gar rauskommt, dass Leute "überflüssig" sind. So wird schon versucht,
den Spielraum voll auszunutzen: Beim Abladen von Scheiben haben wir
schon eine Stunde mehr aufgeschrieben etc.. Der Kollege am PC hat uns
auch gezeigt, wo wir beim Schummeln aufpassen müssen (es gab bestimmte
Bereiche, wo Manager von Schweden oder England aus die Zeiten an der
Auto-Linie kontrollieren).
Dieses Treffen war ein Paradebeispiel für den kapitalistischen
Widerspruch von Planung und Produktion. Irgendwie ist klar, dass sich
der Verwertungsdruck nur dann aufrechterhalten lässt, wenn die
ArbeiterInnen vereinzelt bleiben und vom Planungsapparat abhängig.
Das Management gibt irgend ein Verwertungsziel vor, weiß aber gar nicht
genau, wie es sich umsetzen lässt. Dafür hat es ein paar Leute
abgestellt (den Projektmanager, die Meister): Diese müssen versuchen,
die vorgegebenen Zeitvorgaben in der Produktion durchzusetzen; dafür
müssen sie aber wissen, welche Probleme die Produktion macht (die
ArbeiterInnen selbst, die Maschinen etc.); dafür die ganzen
Gruppentreffen, das Rumschnüffeln, das fanatische Bestehen darauf, dass
wir alle Störungen, Arbeitszeiten etc. "festhalten" usw.
Dabei wissen sie von den konkreten, einzelnen Arbeitsplätzen recht
wenig. Die Leute nutzen dass natürlich, um sich ein bisschen Luft zu
machen. Sie geben nicht all ihr Wissen ab, um sich nicht ungeschützt
dem Zeitdruck auszuliefern. Das Management ist also darauf angewiesen,
dass die ArbeiterInnen die Probleme irgendwie in den Griff kriegen.
Andererseits repräsentieren sie aber auch die "organisatorische Macht"
des Kapitals, d.h. sie lassen uns über viele Informationen der Planung
im Unklaren, gaben jedem Arbeitsplatz nur die jeweils notwendigen
Informationen. Dies verstärkt aber durch die Isolation der einzelnen
Arbeitsplätze, Gruppen, Abteilungen wiederum die
Koordinationsschwierigkeiten, somit geht auch die Produktivität in den
Keller. Da nur die Meister und Schlipsträger zwischen den einzelnen
Arbeitsstationen zirkulieren, scheint es der einzelnen MalocherIn, dass
sie es sind, welche die "Produktion organisieren". Weil die einzelne
ArbeiterIn die Infos und koordinierenden Anweisungen in erster Linie
von diesen Funktionären bekommen, diese aber auch gleichzeitig den
Verwertungsdruck vermitteln, scheint dieser auch als Notwendigkeit der
Produktion selbst.
Das sind die wahren "anarchistischen" Verhältnisse im Kapitalismus.
Hier zeigt sich, dass die alte Vorstellung von Sozialismus, die einfach
nur "den Markt" staatlich regeln will, am Kern der Sache vorbeigeht,
wenn sie die Trennung von Planung und Ausführung, die Trennung in
einzelne "Arbeitsplätze" usw. in der Produktion aufrechterhält.
14. Die Hierarchien
Wie schon angedeutet: wir organisieren die Produktion eigentlich
selbst, wenn auch eher stotternd und über die verschiedenen
hierarchischen Umwege. Der Auftrag kommt rein, wir füllen diese Zettel
aus, der Auftrag geht raus. Es gibt keine Vorarbeiter, eigentlich nur
den Schichtleiter (Meister) und diesen Hallen-Chef. Was tut dieser
Schichtleiter: Dich daran erinnern, dass du deine Schutzbrille
aufsetzen und nicht zuviel Extra-Pausen einlegen sollst; ansonsten nur
Rumgucken, ob die Auftragszettel o.k. sind. Wenn eine Maschine kaputt
ist, kann er auch nicht mehr sagen, als der Maschinenführer oder
Mechaniker/Elektriker. Er bearbeitet deine Anträge auf Urlaub und dein
AZV-Konto. Hauptaufgabe ist es aber, die Verbindung zwischen Planung
und Produktion aufrechtzuerhalten und zwischen den einzelnen
Arbeitsplätze rumzulaufen: den Mechaniker von hier nach dort zu
schicken, den Staplerfahrer zum Lager schicken, weil eine Folienrolle
runtergefallen ist etc.. Wenn etwas nicht in die Computermaske
eingegeben wird, muss er gucken, warum das nicht passiert ist. Wenn die
Arbeiter feststellen, dass eine Maschine nicht richtig läuft und der
Mechaniker den Grund rauskriegt, läuft er zum Chef und bespricht, was
passiert: Reparatur, Austausch des Teils etc.. Der Meister hat mir
selbst gestanden, dass er nach den "drei Monaten arbeiten im Betrieb"
(bevor er seine Meisterstelle antreten konnte) eigentlich schon in den
Sack hauen wollte. Aber die seien halt notwendig gewesen, "um den
Betrieb kennen zu lernen".
15. Die Umstrukturierung
Früher war auf dem Gelände halt
auch schon eine Glasfabrik, aber einiges größer. Übernahme war wohl
irgendwann Mitte - Ende der 90er. Die Halle mit "normalem" Bauglas ist
dann zugemacht, 300 Leute entlassen worden. Gegen diese Entlassungen
gab es 1999 einen wilden Streik im Werk:
"Da standen wir zwei Tage vor den Toren. Der Betriebsrat hat dem Streik
zwar nicht zugestimmt, aber egal. Es gab einen Typ, der ist von Halle
zu Halle gegangen und hat den Streik ausgerufen. Den wollten sie dann
nach dem Streik auch rauskanten. Nach zwei Tagen Streik meinte die
Geschäftsleitung jedenfalls, dass wir doch bitte zurück an die Arbeit
sollen, da sonst mit persönlichen Konsequenzen zu rechnen sei. Wir sind
dann auch zurück an die Arbeit, da war irgendwie nichts zu machen. Zwei
Tage Lohn futsch..."
Nach diesen Entlassungen stand im Raum, die ganze Veredelung (was
wir machen) auch dort zu machen, wo das Rohglas produziert wird, d.h.
den ganzen Standort dichtzumachen. Wegen besserer Verkehrsanbindung
wurde der Standort schließlich doch behalten. Vor acht Jahren stand
dann auf dem Plan "unsere" Halle zu schließen. Da die automatische
Linie doch nicht wie geplant in Sao Paolo aufgebaut (warum?), sondern
die 8 Millionen hier investiert wurden, blieb die Halle stehen. Vor der
Automation wurden an der Linie alle Scheiben noch von Hand (mit
hydraulischer Unterstützung) aufgelegt. Früher haben auch noch 70 Leute
pro Schicht dort gearbeitet, die haben 850 000 qm pro Jahr rausgehauen.
Jetzt sind es halt noch 32 pro Schicht, die 3 Millionen qm produzieren.
Aber es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder was
ändert: In Frankreich haben sie ein neues Werk aufgemacht, wo
Glasproduktion und Veredelung in einem Fluss passiert. Die Linie
kostete 64 Millionen. Noch fährt die Linie nur auf einer Schicht,
"damit wir weiter drei Schichten fahren können", meinte der
Hallenhäuptling auf der Sitzung. Stirnrunzeln bei den
Produktionsbeauftragten. Der Typ versucht's glaubwürdiger: "Weil die
erst mal nur Leute für eine Schicht anlernen konnten." Eigentlich
wollte er uns damit beruhigen, aber ihm wurde dann doch klar, dass
selbst wir uns vorstellen können, dass die irgendwann auch Leute für
eine zweite und dritte Schicht finden. "Aber der Markt wächst ja
jährlich um 5 Prozent, bis dahin sind die also auch voll ausgelastet..."
Bei einer anderen Gruppensitzung ging es um die Frage, ob wir
"gelernten Mechaniker, Elektriker" etc. eine Lohngruppe höher kriegen,
wenn wir z.B. als "Anlagenführer" einspringen. Es gibt noch ca. drei
Arbeitsplätze an den Pulten, die diese höhere Lohngruppe haben. Da
meinte der Meister, dass das unwahrscheinlich sei, da in Frankreich ja
"gar keine gelernten Kräfte" arbeiten würden...
Die letzte Neuigkeit war, dass im Nachbarwerk die nächsten 60 Leute
entlassen werden sollen, obwohl die "mit der Produktion eigentlich gar
nicht nachkommen."
16. Die Vertretung
Ich denke, dass das Werk zu 100 Prozent
"organisiert" ist. Jedenfalls war es ein Bestandteil der
Einstellungszeremonie, dass du auch beim BR andackeln musstest, der dir
mit der Eintrittskarte der IG BCE unter der Nase rumfächelt. Es sind
gerade auch BR-Wahlen, zu der die IG BCE ein paar Plakate aufgehängt
hat. Einige Arbeiter aus meiner Schicht haben sich auch zur Wahl
aufstellen lassen. Es ist aber kein großer Enthusiasmus dabei zu
verspüren. Letztendlich sind doch wieder die zwei alten BRs ("weil die
das schon so lange machen und Ahnung haben") nach oben gewählt worden.
Bis jetzt habe ich noch keine Betriebsrats- oder
Gewerkschaftszeitung speziell für das Werk in die Hände bekommen. Was
ich allerdings zwischen die Finger gesteckt bekam, war eine
Betriebszeitung "von Kollegen für Kollegen" der MLPD
(Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland). Direkt am zweiten Tag
zur Frühschicht standen die vorm Tor. Die Zeitung ist typisch schnöde:
Wählt kämpferische BRs, lasst euch während der Tarifverhandlung nicht
verarschen, Schröder ist kein Verbündeter der Arbeiterschaft etc.. Für
eine "Betriebszeitung" stand recht wenig und dazu noch Uninteressantes
über die Fabrik drin: Die Unternehmensleitung organisiert gerade
"PC-Führerscheine" für die Bedienung des Intranets. Der Artikel meint,
dass diese Führerscheine nichts taugen würden. (Dabei ist die
Geschichte, die mir ein Kollege zu dieser Schulung erzählt hat, einiges
prickelnder: In der anderen Halle haben wohl einige Leute PC-Games auf
den Computer geladen und dabei das Intranet gefickt, was wohl nicht
billig war. Deswegen erzählen dir die bei den Schulungen, wie du dich
im Intranet zu verhalten hast...). Interessanteste Info der Zeitung:
bei Shell in der Solaranlagen-Klitsche arbeiten Frauen vom
Sklavenhändler für 5 Euro die Stunde. Ich habe auch versucht, die
"Kollegen" über die MLPD zu kontaktieren, aber die meinten nur, ich
sollte die VerteilerInnen der Zeitung ansprechen. In der nächsten
Zeitung war dann ein Interview mit einem Typ auf der Liste als
"Physiker" vorgestellt), der auf den Platz 3 der Betriebsratshitsliste
gewählt worden ist und halt mit der MLPD sympathisiert. In dem
Interview erklärt er noch mal, dass die Forderung der MLPD nach
30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich auch in unserem Werk
"realistisch" sei. Er sagt auch was zu seinem natürlich
"zwiegespaltenen" Verhältnis zur Institution Betriebsrat:
"Nach dem Betriebsverfassungsgesetz soll der Betriebsrat bei einem
Missstand sich nicht an die Belegschaft wenden und sie schon gar nicht
in den Kampf führen. Er soll vielmehr 'in Verhandlungen mit dem
Arbeitgeber auf eine Abstellung des Missstandes hinwirken'. Darüber
kann man sich natürlich nicht beliebig hinwegsetzen. Das bedeutet aber
noch lange nicht, dass man das zu seinem eigenen Glaubensbekenntnis
macht. Hier gehen die Meinungen sicher ziemlich auseinander. Auch in
der Frage, welche Bedeutung man seinem Posten gibt. Ich bin überzeugt
und setze mich dafür ein, dass es zu einer sachlichen Zusammenarbeit
und Auseinandersetzung im Betriebsrat kommt. Die Entscheidung für einen
Fortschritt fällt aber auch nicht im Betriebsrat. Für mich sind die
Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben und Abteilungen entscheidend.
Sie müssen für ihre Forderungen aktiv werden, das kann und will ich
unterstützen, abnehmen kann ich das keinem."
Ansonsten steht in der Zeitung halt was zu den
Metall-Tarifauseinandersetzungen: "Jetzt ist die Arbeiterbewegung am
Zug", zu "Israels Staatsterror" und gestrichenen Schichten in der
Brandschutzproduktion...
Ich habe mich gefragt, in wie weit es möglich ist, mit
(Partei)Linken etwas zusammenzumachen, nicht als Mitglieder ihrer
jeweiligen Organisationen, sondern weil sie halt auch irgendwo arbeiten
müssen. Das würde natürlich eher auf einer Ebene von
"Infosaustauschen", Veränderungen diskutieren usw. ablaufen. Aber
selbst diese Ebene ist wohl zum Teil schwierig, da die Infos ja der
"Organisation" gehören, bestimmte Diskussionen vielleicht der Strategie
des Apparates entgegenlaufen etc..
17. Die Ansätze
Unter den Kollegen wird recht viel Wert auf
die ersten 20 Minuten am Kaffeeautomaten gelegt, dort wird gequatscht,
nicht immer über die Arbeit, aber auch (Pause haben wir ja meistens nur
zu zweit, dritt). So gab es zum Beispiel folgende Diskussion:
A. (Riesenstapler-Fahrer): "Hömma, ich hab den Kleinen (bezieht sich
auf die Körpergröße des Meisters) schon zehn mal gesacht, dass die
scheiß Frontscheibe spiegelt, da siehste nichts durch...!"
B. (Anlagenführer): "Ja, un'...?"
A.: "Ja, nix. Die Entspiegelten wärn bestellt, aber kommen nich. Un' die erzähln die ganze Zeit von Sicherheit..."
B.: "Un' jetz?"
A.: "Hab ich die Scheibe rausgehaun... Is aber saukalt jetz, da fahr ich nicht mehr mit, bisse neue Scheibe da is."
B.: "Aber der Heinz fährt noch, das olle Klötengesicht. Müsster auch
mal zusammenhalten tun. Wenn der eine nich fährt, fährt der andere auch
nich. Macht doch sons kein Reim..."
So was gibt es mehr oder weniger täglich. Mein jüngerer türkischer
Kollege meint, dass die ganze Gesellschaft ein Knast wäre, dass du
arbeiten und arbeiten kannst, aber doch nie zu was kommst. Aber die
Stimmung ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre (Entlassungen,
Umstrukturierungen, befristete Verträge) eher "Deckung oben lassen".
Auch merkt man, dass bestimmte Diskussionen über die Arbeit, das Leben
etc. einfach an einem bestimmten Punkt stehen bleiben, nicht weil es
bewußtseinsmäßig nicht weiter hinterfragt werden kann, sondern weil das
weitere Hinterfragen unsinnig erscheint und schmerzvoll ist, wenn nicht
gleichzeitig auch eine Chance gesehen wird, das Hinterfragte auch zu
ändern.
Es gab noch keine größeren Konflikte, wo ich mehr hätte raushören
können. Habe auf verschiedenen Kanälen (labournet, Anarchos etc.) mal
angefragt, ob es Kontakte, Infos aus anderen Fabriken des Unternehmens
gibt. Idee war, vielleicht eine Zusammenstellung der Arbeitsbedingungen
und Konflikte in der unterschiedlichen Standorten rumgehen zu lassen.
Gab es bisher aber kaum Rückmeldung: Ein Buch über einen Streik beim
Unternehmen in den 70ern in GB (wirklich interessantes Buch); und der
Bundessekretär der Chemiegewerkschaft Österreichs wollte auch mit Infos
versorgt werden, da er Chemiearbeiter in den österreichischen Fabriken
des Unternehmens vertritt...
Eigentlich haben mich die vereinzelten Diskussionen doch noch mehr
angetörnt, eine (regionale) Prol-Zeitung auszuprobieren. Es gibt so
viel "Klarheit" bei den Leuten, in dem Sinne, dass sie sich nichts vom
System versprechen und es durchschauen; gleichzeitig so wenig Hoffnung,
weil ja scheinbar nichts passiert, was nach positiver Veränderung
riecht. Von daher wäre es wichtig, die wenigen Hoffungsschimmer die es
gibt (verschiedene Streiks in Italien, Frankreich, Spanien etc.) weiter
zu verbreiten etc. Die andere Sache wäre es halt gewesen, über die
Bedingungen und Kapitalstrategien aus den verschiedenen Standorten des
Unternehmens zu berichten. Hier zeigt sich aber, dass ohne konkrete
Kampfsituationen es auch kaum möglich ist, einfach Kontakt zu Leuten in
diesen Standorten zu bekommen. Nicht mal über basisgewerkschaftliche
Kanäle. Und auf der gewerkschaftsoffiziellen Ebene werden eh nur
gefilterte Infos bei rauskommen (von freigestellten BRs,
Bundessekretären etc.).
In diesem Sinne
Viva el verano caliente!

