Zum Streik bei Fnac in Paris
kommentar/flugblatt | prols 3/2002
(Das Flugblatt wurde im März 2002 bei Fnac in Mailand verteilt. Es beruht auf den Berichten über den Streik aus Paris.)
Vorbemerkung
Wir haben das Flugblatt kontrovers diskutiert. Einige fanden es gut,
anderen hatten Kritik. Hier einige Punkte aus der Diskussion: Es ist
wichtig, bei Kämpfen wie bei McDoof oder jetzt Fnac die Infos darüber
in andere "Filialen" zu tragen. Zumal, wenn sich diese Kämpfe ausweiten
und "prekäre" ArbeiterInnen Mittel und Wege finden, sich gegen die
Schergen der Fast-Food- und Handelsketten durchzusetzen. Haben uns die
Postfordismus-Jünger nicht jahrelang erzählt, dass diese "atomisierten
Subjekte" nicht kämpfen können?!
Wir müssen aber angesichts der Kämpfe auch diskutieren, wie wir uns
darauf beziehen bzw. was für Flugblätter wir schreiben. Das folgende
Flugblatt ist "zurückhaltend". Reicht es angesichts der Ereignisse in
der Welt und in Italien, nur auf die Kommunikation und ein
"ArbeiterInnennetz" zu setzen? Wo liegt in der Thematisierung von
Prekarisierung und Verschlechterung der Bezug auf den krisenhaften
Charakter des Kapitalismus? Was ist mit den Spaltungen und
Schwierigkeiten der ArbeiterInnen untereinander?... So bleibt das etwas
oberflächlich: ArbeiterInnen kämpfen und finden Formen wie
Gleisbesetzungen oder Unterbrechungen des Warenflusses...
Auch die aktuelle Diskussion in Italien (Cgil-Mobilisierung,
Generalstreik...) taucht nicht auf. Dort gibt es zwar keine Explosion
der sozialen Forderungen, keine Bewegung, die die Grenzen der
gewerkschaftlichen Vermittlung schon überschritten hätte, aber die
gegenwärtige Entwicklung deutet an, dass so was zumindest in naher
Zukunft wieder möglich ist. Da sollten wir "mehr" tun, als auf die
Möglichkeiten der Unterbrechung des Warenflusses Bezug zu nehmen...
Aber sagt selbst mal!
ein prol für frechere flugis
[prols@prol-position.net]
Flugblatt aus Milano
Die ArbeiterInnen von Fnac in Paris sind seit einem Monat im Kampf!
Warum wir das schreiben
Wir sind ArbeiterInnen aus verschiedenen Sektoren, einige Prekäre,
andere Festangestellte, arbeitende StudentInnen und alle
ProletarierInnen, die dazu beitragen wollen, ein Netz von Kontakten und
einen Austausch von Informationen zwischen ArbeiterInnen aufzubauen.
Ein Netz, das Verbindungen herstellt und als Resonanzboden der Kämpfe
dient, das die direkte Organisierung der Klasse anregt und die
Initiativen der ArbeiterInnen selbst unterstützt.
Wir haben von dem Kampf der ArbeiterInnen von Fnac gehört und denken,
dass die Hintergründe und Kampfformen auch für Italien wichtig sind,
weil die Bedingungen der ArbeiterInnen von Fnac in Paris nicht
besondere sind, sondern sich vielmehr immer mehr verallgemeinern.
Dieser Kampf geht alle ArbeiterInnen an, die sich nicht beugen und
unterwürfig für die Krise zahlen wollen!
Hier in Mailand haben die ArbeiterInnen von Virgilio-Matrix
(Internetanbieter) gegen Kündigungen gestreikt und vor dem Firmensitz
demonstriert und dabei das Internet als Mittel der Kommunikation
benutzt. Die Putz-ArbeiterInnen bei der Eisenbahn haben gegen
Entlassungen gestreikt und nach fast einer Woche "Arbeit nach
Vorschrift" die Gleise blockiert. Die ArbeiterInnen von Nokia in Cusano
Milanino haben die Fabrik besetzt, eine Gleisbesetzung gemacht und Faxe
und Emails an alle Nokia-Werke der Welt geschickt...
Fnac, McDo, Virgin... das ist nur der Anfang!
Die ArbeiterInnen von Fnac am Champs-Elysee in Paris streiken seit
dem 13. Februar. Ihr Kampf hat sich auf viele Fnac-Läden in der
Hauptstadt und anderen Orten im Land ausgeweitet. Viele ArbeiterInnen
des "Einkaufszentrums" im Herzen von Paris sind im Kampf von McDonald's
bis Virgin, von Go Sport bis Sephora. Sie haben eine Basis-Koordination
gebildet, um die Mobilisierung aufrechtzuerhalten und auszudehnen.
Diese ArbeiterInnen stehen an den Eingängen der Einkaufszentren
Streikposten, machen Umzüge, in denen sie versuchen, alle anderen
ArbeiterInnen der Handelsketten einzubeziehen, und rufen "Fnac, McDo,
Virgin... derselbe Kampf". Sie organisieren sonntägliche Picknicks vor
den Eingängen, versuchen den KundInnen die Hintergründe des Kampfes zu
erklären und rufen sie zum Boykott der verschiedenen Geschäfte auf.
Jetzt wollen sie mit dem Kampf der ArbeiterInnen von EuroDisney
zusammenkommen, das einen weiteren Park eröffnen will, ohne weitere
ArbeiterInnen einzustellen. Dafür sollen die schon dort Arbeitenden
weiter ausgepresst werden.
Die ArbeiterInen von Fnac verdienen alle den 1993
ausgehandelten Lohn und viele wurden mit befristeten Verträgen oder
über Zeitarbeitsfirmen eingestellt. Die prekären ArbeiterInnen
verlangen, wie ihre KollegInnen entlohnt zu werden "Selbe Arbeit,
selber Lohn", sagen sie. Die Festangestellten verlangen eine
Lohnerhöhung.
Dieser Kampf dauert schon einen Monat an, dank seiner Ausdehnung und
der aktiven Unterstützung der Basis-Koordination und des
Unterstützungsfonds, der eigens dafür eingerichtet wurde.
Es gilt, dem Geschimpfe der Medien, den Provokationen der Bullen und
der zweideutigen Haltung der Gewerkschaften standzuhalten, die sich nur
unter dem Druck der ArbeiterInnen bewegen, wie das bei der Ausdehnung
des Kampfes auf die Fnac-Läden in Etoile, Montparnasse, Saint Lazare...
war.
Kürzlich haben die ArbeiterInnen von McDonald's an der
Kreuzung Strasbourg/St.Denis nach 115 Tagen Streik gegen den Multi
gewonnen, eine harte Auseinandersetzung die den anderen Kämpfen ein
wenig den Weg bereitet hat.
In der ganzen Welt haben die großen Handelsketten die
Ausbeutungsbedingungen standardisiert und niedrige Löhne und prekäre
Arbeitsverträge durchgesetzt. Sie reagieren auf jede minimale Forderung
mit Arroganz und entlassen systematisch alle "Unerwünschten".
Die Gewerkschaften in Italien sind vor all dem in die Knie gegangen.
Sie haben den Handelsketten das Terrain für die Ausdehnung der
Öffnungszeiten bereitet, für die um sich greifende Prekarisierung, die
Einschränkung der Lohnforderungen und die Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen. Das lief über die Erneuerung von miesen
Tarifverträgen oder die Annahme der von den Bossen diktierten
Bedingungen bei der Eröffnung neuer Einkaufszentren.
Auf der ganzen Welt kennen die großen Handelsketten - und nicht nur die
- die Anwort der ArbeiterInnen, die sich nicht beugen und dem Druck
nicht nachgeben.
Just do it!
Wir haben direkte Kommunikationsmittel, die uns erlauben, von einem
Ende des Kontinents mit dem anderen Verbindung aufzunehmen - Internet,
Fax, Telefon - alle die "neuen" und "alten" Formen, die 250 Jahre von
Aktionen von ArbeiterInnen hervorgebracht haben.
Wir haben darüberhinaus als ArbeiterInnen die Möglichkeit, den
Warenfluss zu unterbrechen, bevor sie gelagert werden, bevor sie in die
Regale gelangen oder verkauft werden. Blockierung der angelieferten
Waren, Arbeit-nach-Vorschrift mit einer Reduzierung des Arbeitstaktes
und die Blockierung der Eingänge nehmen den Bossen schnell ihre
Arroganz, umgehen die Trägheit der Gewerkschaften und tragen dazu bei,
dass die Ausbeutungsketten Risse bekommen, in Paris wie in Mailand,
Buenos Aires, Seoul...
Kollektiv für ein ArbeiterInnennetz, jeden Dienstag um 21:30 in der Panetteria Occupata, Via Conte Rosso 20, Lambrate-Milano. Email: [rossoconte@hotmail.com]

