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Zur Situation bei First Mail in Düsseldorf


bericht | prols 6/2002

Bei der Firma handelt es sich um einen privaten Briefdienst, der für das Stadtgebiet von Düsseldorf die Konzession für das Verteilen von Briefen, Postkarten und Drucksachen erhalten hat. Geplant ist eine Expansion ins Ruhrgebiet (zumindest in Duisburg werden ZustellerInnen gesucht) und nach Köln. Unklar sind Informationen zu: 1. Entstehung der Firma, 2. Anzahl der Leute die dort arbeiten und 3. zur Zusammenarbeit mit anderen Zustell- und Botendiensten.

1. Wir konnten bis jetzt nicht klären, ob der Laden aus einer Umstrukturierung des "Jansen Pressevertriebs" - einem Werbeverteiler - ist.
2. Der Mensch, von dem wir die Informationen bekamen schätzt die Anzahl der KollegInnnen auf ca. 100, ist sich aber nicht sicher...
3. Es gibt eine Reihe von Logistikunternehmen die intern als "Schwesterunternehmen" bezeichnet werden - was immer das auch heißt - z. B. - "Blitzlogistik" , die Zustelldienste in Krefeld und im Ruhrgebiet anbieten, "Rheinland-Brief" wurde bis vor kurzem auch noch so bezeichnet, scheint aber mittlerweile in Konkurrenz zu First-Mail aufzutreten, da der Laden seltsamerweise über keine eigene Homepage verfügt und wir in der Lokalpresse erschienene Artikel bis jetzt nicht ausfindig machen konnten, ließen sich diese Angaben nicht überprüfen.

Zur Hierarchie innerhalb der Firma:
1. Es gibt zwei Eigentümer, von denen sich einer allerdings zumindest in Bezug auf die Alltagsgeschäfte zurückgezogen hat. Der andere agiert nach wie vor vor Ort, wo er sich durch Unverschämtheit bei gleichzeitiger Inkompetenz unbeliebt macht.
2. Die Verwaltung ist relativ klein (ca. 10 Leute) und scheint deshalb einige Probleme zu haben, die Arbeit geregelt zu bekommen - falls immer mal wieder fehlerhafte Lohnabrechnungen und das "Vergessen" von Gehaltsüberweisungen nicht eh beabsichtigt sind.
3. Die TeamleiterInnen - klassische VorarbeiterInnen, mittlerweile auf drei Leute reduziert, die die Arbeit der ZustellerInnen organisieren, den Druck von Oben weitergeben etc. 4a. Die SortiererInnen, für die mittlerweile 10 Stunden-Nachtschicht angeordnet wurde (bis vor ein paar Monaten wurde das Vorsortieren der Post noch in Spätschicht geleistet) Lohn 16 DM/Stunde. b. Die ZustellerInnen, Anfangsgehalt vor einem Jahr 13 DM/Stunde mittlerweile stolze 14 DM, es gibt keinen Betriebsrat oder gewerkschaftliche Strukturen, so dass Lohnerhöhungen individuell über die Teamleitung ausgehandelt werden müssen. Oberstes Limit zur Zeit: 16 DM/Stunde (zum Vergleich: das Anfangsgehalt bei der Post betrug 2001 17 DM/Stunde). Wichtig zu erwähnen: der Anteil der MigrantInnen an der Belegschaft ist wie zu erwarten sehr hoch.

Sonstige formale Arbeitsbedingungen: Seit Jahresbeginn werden vermehrt Anstellungen als Vollzeitverhältnis durchgeführt, letztes Jahr sah das noch anders aus: Leute wurden größtenteils in Teilzeit beschäftigt (0,5 Stellen) wobei die tatsächliche Wochenarbeitszeit mindestens 30, oft noch mehr Stunden beträgt. Wobei die "Teilzeitler" gegenüber den "Vollzeitlern" in so weit in Vorteil sind, dass sie die Mehrarbeit bezahlt bekommen - "Vollzeit" aber bedeutet Festgehalt, Überstunden werden nicht bezahlt, obwohl die Leute so mit Arbeit zugekackt werden, dass es in 8 Stunden nicht zu schaffen ist. Fahrräder: First-Mail stellt keine, das heißt die ZustellerInnen müssen ihre Privaträder mitbringen, dafür gibt es dann 0,15 DM/Km. Regenkleidung: die wird zwar gestellt, ist allerdings wertlos: wenn es etwas heftiger regnet ist sie nach kurzer Zeit durchnässt.

Bei diesen Bedingungen ist die Fluktuation verständlicherweise sehr hoch. Einerseits hören die Leute sofort auf, sobald sie einen besseren Job finden, andererseits wird in der Probezeit (6 Monate) beim geringsten Aufmucken gefeuert. Es laufen Gerüchte, nach denen es eine geheime Absprache gab, niemanden nach der Probezeit zu übernehmen. Für uns ist das nicht überprüfbar, erscheint aber durchaus plausibel;
1. besteht im Zuge der fortschreitenden Proletarisierung der BRD-Gesellschaft kein Mangel an Leuten, die ihren Arsch noch zu den miesesten Bedingungen verkaufen müssen.
2. gewährleistet diese permanente Neuzusammensetzung der Belegschaft, dass sich keine Ansätze entwickeln können, sich gemeinsam gegen die Sauereien der Geschäftsleitung zu wehren. Davon abgesehen vergrößert die hire-and-fire-Politik die Arbeitsbelastung der ZustellerInnen nochmals: es kommt immer wieder vor, daß Leute "mal eben" zusätzlich die Tour einer gerade gefeuerten KollegIn übernehmen müssen.

Disziplinierungsoffensive seit Jahreswechsel
Seit Anfang 2002 hat First-Mail mit der Stadtsparkasse Düsseldorf einen neuen Großkunden. In Folge dessen wurde, im Widerspruch zu den bestehenden Verträgen Samstagsarbeit angeordnet. (Bei Neueinstellungen ist dies mittlerweile vertragliche Pflicht) Viele "Alte" ZustellerInnen weigerten sich, auch noch Samstags zu malochen, wir gehen davon aus, dass die im folgenden beschriebene "Drohbrief"-Kampagne damit zusammenhängt.

An die ZustellerInnen wurden durch die Teamleitungen Flugblätter verteilt. Inhalt des ersten: Post ist binnen zwei Tagen zuzustellen, ansonsten erfolgt unweigerlich die fristlose Kündigung, außerdem wird eine (im Arbeitsvertrag abgesicherte Konventionalstrafe in Höhe eines Monatsgehalts gefordert). Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass Leute im Falle ihrer "selbstverschuldeten" Arbeitslosigkeit keine Leistungen durch das Arbeitsamt beziehen werden. Zu guter Letzt wurde das Verschicken von Testbriefen angekündigt. Mit dem zweiten Flugblatt gelang es First-Mail, diese Sauereien noch zu toppen: In ihm wurden Leuten eine Prämie von 500 DM versprochen wenn sie Kollegen denunzieren die Post zurückhalten. Es geht noch weiter: mittlerweile wurde angeordnet, dass die Leute um 7.00 statt bisher um 8.00 bei der Arbeit anzutreten haben. Auf Unmutsäußerungen wurde mit Kündigungsdrohung reagiert. Durch diese Maßnahmen gelang es der Geschäftsleitung unter den ZustellerInnen ein Klima von Misstrauen und Paranoia zu schaffen... das erleichtert die notwendige Selbstorganisierung nicht.

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