Streik bei Blu
bericht/flugblatt | prols 3/2002
Streik bei Blu: Das Platzen der eitrigen New-Economy-Blase
Der folgende Brief einer Call Center-ArbeiterIn aus Florenz.Italien
zeigt, dass in einigen Läden die Sache langsam eng wird... und
ArbeiterInnen sich wehren. "Aber vielleicht schwelt unter der Asche die
Revolte..." schreibt sie am Ende.
Ein Großteil der ArbeiterInnen bei Blu ist über
Zeit- und sogenannte Ausbildungsverträge eingestellt. Jetzt werden die
nicht verlängert, weil die Eigentümer den Laden dichtmachen wollen.
Einige Aufgaben sind schon in andere Call Center von Blu umgeleitet
worden (u.a. nach Palermo). Blu soll aber verkauft werden, was auch die
Schließung insgesamt - nicht nur der Call Center - bedeuten kann.
Seit einigen Wochen organisieren die ArbeiterInnen des Call
Centers in Florenz Aktionen, um die scheibchenweise Entlassung (bzw.
Nichtverlängerung der Verträge) zu verhindern. Dabei werden sie auch
von ArbeiterInnen aus anderen Call Centern (vor allem der Telecom
Italia in Florenz) unterstützt. Sie haben stundenweise gestreikt,
Kundgebungen gemacht usw., wobei ihnen die etablierten Gewerkschaften
Knüppel zwischen die Beine werfen - nicht ungewöhnlich - während sie
von einigen Basisgewerkschaftern unterstützt werden.
Blu ist nur ein Beispiel für die Auseinandersetzungen um die
Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, Kündigungen usw. in den
Tempeln der New Economy. Seit die Blase geplatzt ist, machen immer mehr
Call Center dicht oder entlassen Leute.
Im Ruhrgebiet läuft das etwa bei der Deutschen Bank 24
in Duisburg-Rheinhausen. Die Bilder gleichen sich: Vor weniger als drei
Jahren mit Pomp ausgebaut, stellte die DB24 damals über 100 neue Leute
ein, und erzählte denen großspurig was von den tollen Perspektiven. Die
Arbeit ist wie erwartet: Überweisungen eintippen bis dir die Ohren
verschmalzen, Teamleiter, die dir von hinten über die Schulter sabbern,
um zu sehen, ob du auch schön fleissig bist; Kontroll-Trainer, die dir
nach abgehörten Telefonaten Smilies verbraten, wenn du genug WPAs
benutzt hast (Worte persönlicher Anerkennung)...
Eigentlich sollten wir uns freuen, wenn sie solche Läden dicht
machen... wenn da nicht dieser Zwang wäre, irgendwie die Brötchen und
die Miete zu bezahlen. Zeit also, den Kampf aufzunehmen. Besser wird's
sonst eh nicht...
ein prol gegen den call-center-eiter
[prols@prol-position.net]
Menschliche Arbeitkraft? Schlachtvieh!
Call Center von Blu: der x-te Fall von Spekulation, ausgetragen auf dem Rücken der Leute
Beim Streik am Freitag, den 15. Februar,[1]
ging es nicht nur um die Rechte der ArbeiterInnen, gegen die
neoliberalen Politiker und den Krieg. Die ArbeiterInnen des Call
Centers (des Knasts?) von Blu haben eine Kundgebung organisiert, um
gegen die Entlassungen zwei Tage vorher zu protestieren.
Die Hauptaktionäre des viergrößten Mobilfunk-Unternehmens in
Italien, Benetton-Autostrade und British Telecom, versuchen seit
einigen Monaten die Firma an den meistbietenden Käufer loszuwerden,
obwohl die alles andere als katastrophal da steht.
Mit diesem Ziel im Kopf wurden die auslaufenden Ausbildungs-Verträge[2]
nicht verlängert. Es geht um 24 Leute, die erst wenige Stunden vor
Ablauf des Vertrages darüber informiert wurden. Die Geschäftsführung
des Call Centers versucht, damit die Produktivität zu erhöhen, und
lügte die ArbeiterInnen monatelang an. Am Tage der Abrechung würde, wie
die "Diener" wohl wussten, keiner der 24 Leute übernommen. Es handelt
sich unter anderem um einige der zuerst Eingestellten, der
Erfahrensten, jene der "ersten Stunde". Das gleiche stand etwa 50
Leuten im Februar bevor und etwa wenigstens nochmal so vielen im März.
Den Rest erwartet eventuell auf die Schliessung des Call Centers oder
sogar die Auflösung von Blu.
An einer spontanen Rebellion am Mittwoch nahmen praktisch alle
ArbeiterInnen teil, ohne Vorankündigung und ohne Gewerkschaft. Die
Arbeit wurde für einige Stunden niedergelegt und die Unfähigkeit der
Manager angeprangert, die sich sonst so "charismatisch" geben. Die
vereinten Gewerkschaften (hier CGIL und UIL)[3]
waren gezwungen, eine Versammlung einzuberufen. Diese begannen sie mit
einer blanken Verteidigung der großen und kleinen Chefs, der Bullen und
diverser anderer Vorgesetzter, die ihrer Meinung nach ganz unschuldig
sind und darüberhinaus Lob verdienten für ihr Verschweigen der
Tatsachen denen gegenüber, die Aufklärung über die Zukunft verlangten.
Glücklicherweise scheint es, als seien viele aufgewacht aus
der Trägheit, die das Call Center zu einem befriedeten Ort machte. Das
ist auch heute noch selten zu sehen. Wenige haben die pathetische
Rechtfertigungen der "Gewerkschaften" geschluckt und deren Gelassenheit
(dieselbe Gelassenheit, mit der sie angesichts der Änderung des 18.
Artikels erklärten, dass es für einen Streik zu früh sei).[4]
Dank der Solidarität der ArbeiterInnen von TIM und Telecom wurde die
Kundgebung vom Freitag ein voller Erfolg, als 100 Blu-Beschäftigte
gegen die Kündigungen streikten. Und dass, obwohl die Gewerkschafter
von CGIL und UIL sich darin übten, die Streikenden zu terrorisieren,
indem sie einen Erklärung verbreiteten, dass der Streik nicht
"autorisiert" sei. Sie fragten das Unternehmen um eine Erlaubnis zum
Streiken (das ist keine Phantasterei, das ist wirklich wahr). Die
Erlaubnis wurde nicht gegeben, zur großen Zufriedenheit dieser
"Verteidiger der ArbeiterInnen".
Wenn sich jemand spontan organisiert, individuell oder kollektiv,
werden die Monopolisten der Tarifverhandlungen nervös. Das verwundert
uns nicht. Eigentlich müssen wir sie nicht demaskieren, das machen sie
schon selbst, allein oder im Zusammenspiel mit den Unternehmern.
Es wird immer deutlicher, dass Blu nur geboren wurde, um zu
sterben, um Italien mit krebserregenden Antennen vollzustellen und die
Taschen der Reichen zu füllen. Unter dem Vorwand, Arbeitsplätze zu
schaffen, hat Blu Steuerermäßigungen, Subventionen und freie Hand[5]
verlangt, was von der letzten Regierung prompt gewährt wurde. Im
Austausch verkaufen sie an den Meistbietenden jetzt die diversen
Einzelteile, die sie in den letzten zwei Jahren vernutzt haben.
Darunter ist auch die "menschliche Arbeitskraft", von der sie annahmen,
dass deren Fähigkeit zur Rebellion nach einiger Zeit absterben würde,
hypnotisiert von den Monitoren und unter dem Druck der
Flexibilisierung.
Aber vielleicht schwelt unter der Asche die Revolte...
Nach Rechten[6] wird nicht gefragt, die nimmt mensch sich!
Ein Individuum aus dem Knast von Calenzano[7]
Anmerkungen der Übersetzerin
1 Generalstreik der Basisgewerkschaften. [zurück]
2 contratto di formazione e lavoro (CFL: eine Art
Billig-Ausbildung mit etwa 700 Euro brutto und Befristung zwischen 12
und 24 Monaten für Leute bis Ende Zwanzig. [zurück]
3 Confederali, CGIL, CSIL, UIL, dem deutschen DGB vergleichbar. [zurück]
4 Der 18. Artikel des Arbeitsgesetzes regelt die
Wiedereinstellung Gekündigter, bei denen ein Gericht die
Unrechtmäßigkeit der Kündigung festgestellt hat. Die Rechts-Regierung
will den Artikel streichen. [zurück]
5 omertà: im Sinne von Stillhalten... [zurück]
6 diritti: auch Ansprüche. [zurück]
7 In Calenzano.Florenz ist das Call Center von Blu. [zurück]

